Mit MSF in Malawi – 5. Spaziergang durch Blantyre

Folgt mir auf eine kleine Fotosafari durch meinen zeitweiligen Wohn- und Arbeitsort in Malawi. Blantyre ist die älteste Stadt Zentralafrikas. Seine Ursprünge gehen ins 19. Jahrhundert zurück als die ersten europäischen Missionare in diesem Gebiet verlassene Hütten (jedenfalls habe ich gelesen, dass die verlassen waren) bezogen und hier 1876 ein Handelszentrum im damaligen Nyassaland etablierten. Der Name wurde nach dem schottischen Geburtsort Blantyre des Afrikaforschers und Missionars David Livingston gewählt.

Der Wachmann oder die Wachfrau, die tags wie nachts unser Grundstück und Haus im Stadtteil Mandala bewachen, öffnet mir nach der formelhaften Begrüßung „Goodmorninghowareyou – thankyoui’mfinehowareyou“ das eiserne Tor zur Straße und schon marschiere ich auf dem entweder staubigen oder schlammigen Fußweg neben der durchlöcherten Straße den knappen Kilometer bis zum Krankenhaus. Zwischen den Mauern, die die Gärten und Villen der Nachbargrundstücke vor neugierigen Blicken und ungebetenen Gästen schützen. Vorbei an Sonnenschirmen unter denen Händler*innen Handyminuten bzw. mobile Geldtransaktionen anbieten. Schließlich passiere ich den Drahtzaun, durch den man eine grau verputze, runtergekommene Bude mit löchrigem Wellblechdach erkennen kann. Oft spielen ein paar Kleinkinder in zerrissenen Klamotten auf der festgetretenden Erde und verschleierte Frauen sitzen auf dem Treppenabsatz vorm Hauseingang. Ich selbst bekomme es gar nicht mit, aber ein Kollege erklärt mir, dass dies die örtliche Moschee sei. Das erklärt natürlich, warum manchmal Männer auf demHof, der eigentlich nicht vom Taxistellplatz zu unterscheiden ist, tagsüber Hühner schlachten – das müssen Opfertiere sein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird allerdings ein prächtiges Gebäude mit allerlei Türmen und verkachelter Fassade hochgezogen, der Moscheeneubau.

Moscheeneubau

Vor unserem Krankenhaus, am Rande eines großen Kreisverkehrs, trotzt eine fast parkähnliche Rasenfläche mit frischen Anpflanzungen dem umliegenden geschäftigen Treiben, dem kleinen Markt, der Minibushaltestelle und dem zwangsläufig damit verbundenen Müll, der auf dem Gehweg landet und in nur unregelmäßigen Abständen beseitigt wird. Auf der Blumenrabatte fällt der Sockel eines Denkmals auf, ohne Denkmal. Hier an der Mahatma-Road gab es den Plan, ein Denkmal für Mahatma Gandhi zu errichten. Den Diskurs über die möglicherweise rassistischen Ansichten des indischen Freiheitskämpfers gewannen die Kritiker, so dass vom Errichten des Denkmals Abstand genommen wurde. Die Straße durfte ihren Namen jedch behalten. Ich konnte innerhalb von drei Tagen miterleben, wie stattdessen eine große Werbetafel errichtet wurde und nun den kleinen Park bildgewaltig überragt. Schade, dass es darüber keinen kritischen Diskurs gab.

Der leere Denkmalsockel auf der Mahatma Road vor dem Queen-Elizabeth-Hospital im Regen (die beige-graue Betonpyramide links neben der blauen Polizeiwache)
Zeitungsverkäufer auf der Mahatma-Road zur Regenzeit

In die entgegengesetzte Richtung führt die Mandala Road durch unseren grünen Villenstadtteil am Mandala-Haus vorbei, auch Old-Manager’s-House genannt. Es ist das älteste durch Euopäer gebaute Gebäude im Land (1882) und diente den Brüdern John und Frederick Moir, den ersten Managern der African Lakes Corporation, als Hauptsitz. Die koloniale Handelsgesellschaft arbeitete in ihrer wechselvollen 130-jährigen Geschichte auf den Gebieten des Wassertransports im Nyassaland, später Malawi, Großhandel, Arbeitsvermittlung, später Automobilhandel und sogar als Internetprovider. 2007 wurde die die Gesellschaft, nachdem die Aktien praktisch wertlos waren, abgewickelt. „Mandala“ bedeutet in der Landessprache Chichewa „spiegelndes Licht“ oder „Linse“. So nannten die Einheimischen John Moir wegen der Brille, die er trug. Heute sind in dem Gebäude eine Bibliothek, eine Kunstgalerie und ein Café untergebracht. In den Wirtschaftsgebäuden hinter dem Haus kann man eine Kaffeerösterei besuchen und frischen Kaffe kaufen. Auch ein Kunsthandwerksladen mit etwas moderneren, originelleren Stücken als den sonst überall erhältlichen schwarzen Schnitzereien ist hier zu finden.

Mandala-Haus oder „Old Manager’s House“, das älteste Gebäude der Stadt
Kaffeerösterei in Blantyre. Der Kaffe ist sehr lecker, spielt aber kaum eine Rolle als Exportgut. Die wichtigsten Exportgüter Malawis sind Tabak, Tee und Zucker.

Die Straße führt nun bergab an Maisfeldern vorbei in das kleine Tal des Mudi-Flusses, der als flache, durch Plastikabfälle leider ziemlich verschmutze Lache die Stadt durchzieht. Direkt hinter der Brücke über den Fluss beginnt der Blantyre-Markt. Ein Konglomerat von Holzverschlägen, Hütten und überdachten Passagen, in denen die Händler*innen von Obst, Gemüse, Schuhen, Kleidung, Schulbüchern bis hin zu gebrauchten Handys alles anbieten. Wenn doch etwas fehlt, findet sich schnell jemand, der das dann besorgen kann. Jedenfalls behauptet das der Buchhändler, den ich wegen Büchern von malawischen Autoren anspreche. In seiner Auslage finden sich nur Schulbücher und religiöse Erbauungsliteratur. Er geht sofort los, kommt aber dann lange Zeit nicht mehr wieder.

Die Stadt ist geprägt von sehr viel Grün, dass sowohl als Gärten, kleine Parks und Blumenrabatten aber auch immer wieder als Maisfeld die besiedelten Gebiete trennt.

Als ich die Lust am Warten verliere, spaziere ich weiter den kleinen Anstieg ins Stadtzentrum hinauf. Hier befinden sich noch einige der wenigen alten Gebäude. Die meisten alten Häuser sind in den 80ern des letzten Jahrhunderts abgerissen worden.

Im Steuerbüro von 1939, einem kleinen Häuschen mit grünem Wellblechdach ist die Touristeninformation untergebracht. Ich kann mir hier ein paar Prospekte mitnehmen und mir Appetit auf Wochenendausflüge zu den Sehenswürdigkeiten des Landes machen, wie dem Malawisee, in die Nationalparks oder zum höchsten Berg des Landes. Bevor ich das Büro wieder verlasse, muss ich meine Adressdaten aber noch in das Buch eintragen, dass mir die Mitarbeitern vor die Nase hält. Es scheint die Rechtfertigung für ihren Job zu sein, denn ehrlich gesagt habe ich in Blantyre niemanden gesehen, der sich irgendwie als Tourist verraten würde. Und tatsächlich ist der letzte Eintrag eines Kunden im Buch auch schon einige Tage alt.

Der Platz vor der Touristeninformation wird außerdem vom alten Rathaus begrenzt, der „Queen Victoria Memorial Hall“. Es wurde 1887 errichtet und 1903 fertiggestellt. Erst 1933 diente sie als Rathaus nachdem hier ein Kino, eine Bibliothek und eine Freimaurerloge untergebracht waren.

Dem alten Rathaus gegenüber steht das „Old Boma“ – Gebäude. Es war das ursprüngliche Regierungszentrum des britischen Protektorats unter Commissioner Sir Harry Johnstone bevor die Hauptstadt der Kolonie Nyassaland 1907 in Zomba eingerichtet wurde. Nach einer Renovierung 2017 werden die massiven, weiß getünchten Mauern von einem weit vorragenden, Schatten spendenden, grünen Dach überragt. Durch mehrere, zur Straße offen stehende Türen kann man in die Säle der Wirtschaftsgerichts blicken, die eher Klassenräumen mit sehr spärlichem Mobiliar ähneln.

Das übrige Stadtzentrum setzt sich aus funktionalen, sehr abgewohnten 2-3-stöckigen Geschäftsgebäuden zusammen. Neben eine langen Reihe von Nähstuben kleinen Supermärkten und Eisenwarenhandlungen kann man hier im örtlichen Kentucky Fried Chicken einkehren. Lange Schlangen gibt es hier aber höchstens samstags abends, denn es ist das einzige Restaurant, dass bis 23:00 Uhr geöffnet hat und die Partypeople stärken sich hier, bevor es in die Clubs geht. Der nordwestliche Teil der Innenstadt ist geprägt von verglasten und verkachelten Bankgebäuden, deren Ästhetik kaum zu unterscheiden ist von denen in Europa, Nordamerika oder sonstwo auf der Welt. Von der Dachterasse des hier befindlichen Amarylis-Hotels hat man eine phantastische Aussicht über die Dächer der Stadt bis hin zu den nicht weit entfernt liegenden Gipfeln des Shire-Plateaus, auf dem sich Blantyre in 1000m üNN ausbreitet.

Auf dem Rückweg kehre ich noch im KwaHaraba-Café für einen Veggie-Burger und einen Espresso ein. Der Laden ist ein Mix aus Hipster-Café, Kunsthandwerksgalerie und Buchladen. Hier werde ich endlich auch fündig auf meiner Suche nach Literatur von malawischen Autoren. Man findet weniger Romane, dagegen umso mehr Kurzgeschichten und vor allem Poesie.

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