100 Jahre Bauhaus: von Dessau nach Tel Aviv

Im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 ergab es sich, dass wir wichtige Orte dieser großen Architektur-, Kunst- und Designschule real besuchen konnten, Dessau und Tel Aviv. Mit diesem Text und den Fotos könnt Ihr unsere „Ausflüge“ virtuell nachvollziehen.

In Weimar gegründet fand die Institution Bauhaus im Jahr 1926 in Dessau eine neue Heimat, wenn auch nur für wenige Jahre. Walter Gropius war erster Leiter des Bauhauses und zeichnete auch für die Entwürfe der Gebäude verantwortlich, welche mittlerweile geradezu als Ikonen der modernen Architektur gelten. Was in Deutschland als Bauhausstil bekannt ist, wird anderswo meist als „international style“ bezeichnet. Die streng der Funktion folgenden Formen und Farben hinterließen weltweit in Architektur, Kunstgewerbe und Gebrauchsdesign ihre Spuren und beeinflussen bis heute Generationen von Architketen, Designern und Künstlern. Viele der namhaftesten unter ihnen waren selbst Lehrer oder Schüler am Bauhaus: Henry van de Felde, Ludwig Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Wassily Kandinski, Lyonel Feininger, um nur einige zu nennen.

Zum 100. Jubiläum hat man die Bauhausstätten in Dessau besonders herausgeputzt. Die Schulgebäude selbst oder die Meisterhäuser, welche als Quartiere für die Professoren genutzt wurden und heute z.T. besichtigt werden können oder Archive beherbergen – alles tip top renoviert. Wir verbrachten einen recht langen, aber alles andere als langweiligen, Nachmittag in Dessau, ohne auch nur annähernd alles gesehen zu haben. Im September dieses Jahres wurde zudem das Bauhausmuseum in Dessau in einem neu dafür geschaffenen Gebäude eröffnet. Es empfiehlt sich, genügend Zeit für einen Besuch in Dessau einzuplanen und nicht erst am Nachmittag dort aufzutauchen…

Den Nazis war das Bauhaus als Hort der Avantgarde, sozialreformerischer Ideen und unkontrollierbarer künstlerischer Entfaltung ein natürlicher Gegner und früh ein Dorn im Auge. Schon 1933 zwangen sie die Institution in Dessau zur Selbstauflösung. Nicht wenige der Professoren und Absolventen waren Juden. Viele konnten Deutschland vor dem Holocaust verlassen und nach dem Krieg international Karriere machen. So sähe Chicago heute ohne Ludwig Mies van der Rohes zahlreiche Bauten sicherlich ganz anders aus.

Im neuen Staat Israel vielen die Ideen des Bauhauses auf fruchtbaren Boden. Mit den Einwanderungswellen wurde in kurzer Zeit viel Wohn- und Arbeitsraum gebraucht. Eine anfänglich vom Sozialismus geprägte Weltanschauung mit einem besonderen Blick für das Gemeinwohl gepaart mit großer Zukunftszuversicht verlangte nach den neuen Antworten der Bauhaus-Architektur und des International Style. Architekten wie Arieh Sharon, Munio Gitai Weinraub oder Edgar Hed hatten ihre Kunst in Deutschland im Bauhaus gelernt, waren nach Palästina geflüchtet und fanden insbesondere im 1908 geründeten Tel Aviv ideale Bedingungen, um eine Stadt nach den Bauhaus-Idealen entstehen zu lassen. Allein in Tel Aviv entstanden über 4000 Gebäude im International Style. Die geradlinig gezeichneten Baukörper mit hier und da durchaus geschwungenen Balkons und hellen, oft weißen Fassaden drückten dem Stadtbild derart ihren Stempel auf, dass man von der „weißen Stadt“ spricht. Die UNESCO hat diese in die Weltkulturerbestätten aufgenommen. Die drei- bis vier-etagigen Häuser sind meist von kleinen Gärten umgeben. Die Fassaden haben unter der salzhaltigen Meerluft sichtbar gelitten. Erst ein Teil konnte restauriert werden, oft finanziert durch eine Art öffentlich-private Partnerschaft. Als wir im Oktober 2019 durch die Stadt streiften, war das nebeneinander von frisch restaurierten, wirklich weißen Häusern und noch arg ruinierten Gebäuden auffällig. Auch die recht schmerzfrei überall außen angebrachten Klimanalangen waren eine ziemliche Herausforderung für unsere durch strenge deutsche Denkmalschutzvorschriften verwöhnten Augen. Andererseits macht dieses Nebeneinander auch den besonderen Reiz der „weißen Stadt“ aus, man sieht buchstäblich die Geschichte, ohne dass der Eindruck eines sterilen Open-Air-Museums aufkäme.

Wem dieser Text Lust auf mehr Infos über das Bauhaus in Tel Aviv gemacht hat, der wird hier fündig:

Weiterlesen im Artikel der ZEIT von 2018

Weiterhören im Feature des Deutschlandfunks vom Januar 2019 100 Jahre Bauhaus Tel Aviv: Zwischen Bulldozern und begehbaren Kleiderschränken“

2 Gedanken zu “100 Jahre Bauhaus: von Dessau nach Tel Aviv

  1. Tel Aviv kenne ich nicht, der Empfehlung für Dessau will ich mich aber ausdrücklich anschließen. Ich war neulich wieder einmal da wegen des neuen Bauhaus Museums, dafür eine ganz dicke Empfehlung! Ein wunderbarer Ort, gut gelungen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s