Mit MSF in Malawi – 3. Warm Welcome in the „Warm Heart of Africa“

Da die ersten beiden Tage im MSF (Médecins Sans Frontières)-Projekt so voll von Eindrücken waren, muss ich schon jetzt meinen kleinen Bericht abgeben. Keine Angst, es gibt jetzt nicht alle zwei Tage einen langen Text zu lesen. Später werden auch mehr Bilder hinzukommen.

Unser Flieger landete auf dem Flughafen von Blantyre, der zweitgrößten Stadt im Süden des Landes. Das Tourismusministerium wirbt für Malawi mit dem Slogan „The Warm Heart Of Africa“. Beim Landeanflug sah die Landschaft von oben aus wie zu Hause (zumindest in Sachsen)! Relativ weites flaches Land, größtenteils Kulturlandschaft. Die vielen Felder waren jeweils kleiner als bei uns und nicht ganz so scharflinig abgegrenzt, aber die Bäume und Büsche dazwischen wirkten überhaupt nicht exotisch sondern sehr vertraut. Noch etwas anderes war es, dass mich an zu Hause denken lies: unglaublich viele Siedlungen, Häuser, Dörfer. Malawi ist mit 170 Einwohnern/km2 fast so dicht besiedelt wie Deutschland 232 Ew/km2) und damit auf Platz 10 der 53 afrikanischen Länder. Umgeben ist die südliche Shire-Hochebene, auf der Blantyre in einer Höhe von etwas mehr als 1000m üNN liegt von noch höheren Bergen. Der höchste, das Mulanje Massiv geht bis auf 3000m hoch. Okay, damit ist die Leipziger Tieflandsbucht dann landschaftlich doch nicht zu vergleichen, auch nicht von oben.

Vom Flughafen, der äußerlich eher an ein paar Lagerhallen einer LPG denken ließ, wurde ich von einem MSF-Fahrzeug abgeholt und in meine Unterkunft gebracht. Ich sollte ein Zimmer im Mandala Guest House beziehen. Zusammen mit drei anderen MSF-Ausländern teilten wir uns ein Haus mit 6 Schlafzimmern, diversen Badezimmern, Wohnraum, Esszimmer, Terasse. Das alles gelegen in einem Garten mit zwei Mangobäumen (Mangosaison ist aber vorbei) und einem Avocadobaum (diese seien bald reif!) und umgeben von einer hohen Mauer, blickdichtem Stahltor und Tag und Nacht vom Sicherheitsdienst bewacht. Für mich stand schon ein warmes Essen auf dem Tisch, es war mittlerweile gegen 13:00 Uhr. Es blieb allerdings nicht viel Zeit dafür, denn schon wartete ein anderer Fahrer mit einem MSF-Minibus, um mich zum Koordinierungsbüro für das Gebärmutterhalsprojekt zu bringen. Es ging wenige Kilometer durch unser Viertel namens Pleasant Hill. Den Namen trägt das Viertel ganz sicher zu Recht, denn es scheint eine der besseren Gegenden der Stadt zu sein. Viele von hohen Mauern abgeschottete große Häuser in Mitten sehr abwechslungsreicher, hügeliger Landschaft mit viel Grün, teilweise Maisgärten, teilweise gepflegte Blumenrabatten.

Im Projektbüro, das in einer dieser Villen bzw. ehemaligen Lodges untergebracht ist, angekommen bekam ich mein erstes Briefing von der Projektleiterin. Ich wurde überall rumgeführt, allen Mitarbeitern vorgestellt, vom Sicherheitsdienst über die Fahrer bis zu Sachbearbeiter*innen und Koordinator*innen. Es wurden mir erneut die Geschichte, der Sinn und die derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen des Projekts erklärt.

Zurück am Abend im Mandalahaus lernte ich meine Mitbewohner*innen kennen: eine Anästhesistin aus Paris, die leitende OP-Schwester aus der Ukraine und ein Notfallmediziner aus Houston, Texas. Es wird normalerweise zusammen um 18:00 zu Abend gegessen. Dann ist es bereits dunkel. Wir dürfen uns sowieso nicht nach Einbruch der Dunkelheit zu Fuß in der Stadt rumtreiben. Solche Ausflüge sind nur mit Fahrer gestattet, der aber unkompliziert telefonisch herbeigerufen und in Anspruch genommen werden kann. Nach einem kleinen ersten Plausch verziehen sich alle in ihre Zimmer und tauchen vermutlich ins Internet ab. In unserem Haus scheint es eher ruhig zuzugehen.

Der nächste Tag beginnt mit einem weiteren Briefing-Marathon, diesmal im Koordinationsbüro für die gesamte MSF-Mission in Blantyre. MSF kümmert sich nicht nur um Zervixkarzinome sondern hat seit Jahren die HIV-Behandlung in den Händen, seit zwei Jahren ein COVID-Projekt und ganz aktuell einen echten akuten Katastrophenfall: vor zwei Wochen verwüstete der Tropensturm Ana Madagaskar, Mosambik und Malawi. Große Landesteile im Süden wurden überflutet, von Straßen und Stromversorgung abgeschnitten. In der Morgenbesprechung der Abteilungen für Human Ressources, der Logistikabteilung sowie der medizinischen Verwaltung und von der Chefin unserer Mission bekam ich einen Einblick in die Herausforderungen, die dann von NGOs wie MSF gemeistert werden müssen. Sie schicken Autos in die Gegenden, um herauszufinden wo und wie groß die Schäden sind. Im Falle von MSF geht es darum, festzustellen, wie groß der medizinische Bedarf, der Bedarf an Nahrungsmitteln und vor allem sauberen Trinkwasser ist. Am meisten Angst haben alle vor Cholera-Ausbrüchen. In einigen Landesteilen kommt Cholera wiederholt vor, wenn die Wasser über die Ufer treten, entwickelt sich daraus schnell eine handfeste Seuchengefahr. Wenn klar ist, wie groß der Schaden ist, müssen die entsprechenden Güter, insbesondere Trinkwasser beschafft und über die teilweise zerstörten Straßen an die bedürftigsten Orte gebracht werden. Aber das muss uns nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal ja nicht mehr erklärt werden. Der Süden Malawis ist allerdings auch außerhalb der Krisen schon extrem arm, so dass solche Ereignisse sehr schnell viele Menschenleben kosten können. Akut kamen wohl 77 Menschen ums Leben, jedenfalls bisher. Die Akuthilfe konnte nach 4 Tagen durch MSF in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Katastrophenschutz in die Wege geleitet werden. Dieser Zeitraum sei kurz und nur deshalb zu schaffen, weil MSF sowieso vor Ort ist und relativ kurze Entscheidungsstrukturen habe. Unsere Chefin meinte, andere NGOs wie die UNO füllten immer noch Anträge aus. Das kennen wir wiederum aus dem Ahrtal…

Nach weiteren Briefings sollte ich mich dann am Mittag im Krankenhaus melden, geplant war dort ein weiteres Briefing mit der leitenden OP-Schwester. Da wir sowieso im gleichen Haus wohnen, konnte dieses allerdings sehr kurz gehalten werden. Ich hatte keine Lust mehr, überall hin mit einem Auto gefahren zu werden und beschloss, die 900m zu Fuß zum Krankenhaus zu gehen. Das Queen-Elisabeth-Hospital, in dem MSF die Zervixkarzinom-Behandlung betreibt, ist das größte staatliche Krankenhaus im Land. Ich musste mich ein wenig durchfragen, bis jemand wusste, wo ich hinwollte und mir den Weg zeigen konnte. Im OP angekommen, wurde dann aber nicht mehr lange gefackelt. Ich bekam OP-Kleidung, Handschuhe und endlich stand ich am OP-Tisch und assistierte einem der beiden dauerhaft angestellten Ärzte bei einer radikalen Gebärmutterentfernung. Ich werde später sicherlich nochmal darauf zurückkommen und die Behandlungsbedingungen genauer beschreiben. Aber, um es schnell auf den Punkt zu bringen: im OP gab es keine Überraschungen. Das läuft genauso ab, wie ich es aus Leipzig, Düsseldorf oder Solingen kenne. Der Vorteil von MSF ist, dass sie das Ziel der leitliniengerechten Therapie auf letztem wissenschaftlichen Stand bei möglichst optimaler Infrastruktur in den Mittelpunkt rücken. Anders, als ich es kenne, sind aber vor allem die Patientinnenzahlen, mit denen man hier täglich fertig werden muss. Eine radikale Gebärmutterentfernung ist ein eher langwieriger und etwas anstrengender Eingriff. In meinen bisherigen Kliniken fand sowas sporadisch bis maximal einmal wöchentlich statt. Die zwei malawischen Kollegen zusammen mit Anästhesie und Schwesternteam machen das hier 4-6x pro Woche. Nach dem OP wurde ich auf der Station, in der Zervixkarzinomambulanz und der Chemotherapieabteilung rumgeführt und allen vorgestellt. Alle freuen sich, dass ein weiterer Operateur kommt. In der Ambulanz wurde mir die Sprachbarriere zwischen Behandlern und Patientinnen bewusst. Alles läuft mit Hilfe von Dolmetscher*innen für Chichewa ab. Außerdem hat man extra Leute angestellt, die für alle Patientinnen Schulungen durchführen um zu erklären, was ist Krebs, wie wirkt er sich aus, wie wird das behandelt, was kommt auf die Leute zu. Daneben gibt es eine IT-Abteilung, einen Sozialdienst und schließlich ein Büro, dass den Patientinnen Fahrgeld auszahlt, damit sie überhaupt eine Möglichkeit haben, zur Behandlung hinzukommen. Viele sterben an Krebs, weil sie gar kein Geld haben, irgendeine Behandlungsmöglichkeit zu erreichen und in Anspruch zu nehmen. Besonders beeindruckt hat mich wiederum die Behandlungszahl in der Chemoabteilung. Mit einem Team von 5 Leuten, so groß wie in meinem letzten Krankenhaus, werden hier 100 Patient*innen am Tag mit Chemo versorgt. Wir waren in Deutschland froh, wenn wir 1/5 geschafft hatten. Die zwei Behandlungsräume hier in Blantyre sehen aus wie Wartesäle am Busbahnhof, nur voller und jede oder jeder hat einen Tropf im Arm.

Auf meinem Weg zurück in die Unterkunft ließ ich die heutigen Eindrücke nochmals Revue passieren. Ich weiß schon jetzt, ich werde die Arbeit hier mögen.

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