Auf dem Pikipiki zum Makonde-Plateau

Gerade las ich im Blog von Ines und Felix in Tansania über ihr Freiwilligenjahr in einem Krankenhaus in Litembo. Dies erinnerte ich mich an meine Famulatur als Medizinstudent im St. Walburg’s Hospital 1996 in Nyangao, Tansania. Besonders musste ich an mein kleines Abenteuer auf dem Motorrad denken, von dem ich hier erzählen will.

Die Wochenenden in Nyangao, wenn ich frei hatte und nichts im Krankenhaus für mein Praktikum zu tun hatte, waren bei aller Exotik, die das Dorfleben im abgelegenen Süden Tansanias für mich bedeutete, doch recht arm an aufregenden Ereignissen. Deshalb freute ich mich bedonders über die Abwechslung, die ein Ausritt auf dem Pikipiki (Swahili für Motorrad) versprach, das mir die befreundeten englischen Entwicklungshelfer ausliehen. Nyangao liegt an einer der wenigen zu dieser Zeit geteerten Asphaltstraßen, die in west-östlicher Richtung nahe der Grenze zu Mosambik durchs Land verläuft. Diese Straße verbindet die Städte Lindi und Mtwara am indischen Ozean mit dem Ort Ndanda im Landesinneren, welcher seine Prosperität zu nicht geringen Teilen der großen katholischen Missionsstation in ihm verdankt. Diese Mission unterhielt neben Schulen und Berufsausbildungsstätten auch ein ziemlich großes, relativ gut ausgestattetes Krankenhaus. „Mein“ Dorf Nyangao mit einem etwas kleineren Krankenhaus lag ca. 75km vom Meer und 40km von Ndanda zwischen diesen beiden Punkten. Also hieß es an einem sonnigen Sonntagvormittag Helm aufgesetzt und auf ans Meer nach Lindi. Der warme Wind wehte mir um die Nase und die 125er Yamaha XT sägte laut nörgelnd über den Asphalt ostwärts. In Lindi angekommen genoss ich den Blick aufs Meer in meiner Erinnerung nur sehr kurz. Ich nutzte nicht einmal die Gelegenheit für ein Bad im Ozean. Mir machte das Motorradfahren soviel Spaß nach den Wochen der Famulatur in immer dem gleichen Ort, dass mich das sonntäglich verschlafene Lindi schnell langweilte. Ich wollte weiterfahren. Woanders war es bestimmt auch schön.

 

Wieder drauf aufs Pikipiki, das nächste Ziel sollte Ndanda, nun westlich von meinem Ausgangsort sein. Die 110km bis dahin kamen mir überhaupt nicht lang vor. In Ndanda, vorbei an der großen katholischen Kirche, führte eine Art Feldweg nach Süden zum Stausee, den die Mönche hatten anlegen lassen und aus dem der Ort sein Wasser bezog. Es hieß, man könne in dem Süßwasser baden, da es dort keine der gefürchteten Wasserschnecken gäbe, welche die Bilharziose-verursachenden Saugwürmer übertragen könnten. Ich ließ es aber lieber nicht darauf ankommen. Der Feldweg führte hinter dem See weiter bergan. Für solche Strecken waren doch Enduros, wie meine Yamaha gemacht. Also nichts wie rauf. Die 700m Höhenunterschied zu überwinden um bis auf das Makonde-Plateau zu gelangen, waren ein Riesenspaß. Ganz besonders, mich den sandigen Weg durch die bewaldeten Hänge hinaufzuwühlen. Oben angekommen änderten sich Landschaft und Vegetation spürbar. Das weite flache Land war nur noch spärlich von Bäumen bedeckt. Dort zeigten sich auch schon die ersten typischen Rundhütten, welche ich den Dörfern im Tal so nicht gesehen hatte. Das Makonde-Plateau, welches sich auf einer Fläche von 80 x 100km erstreckt, erhielt seinen Namen vom Stamm der Makonde, welche hier oben hauptsächlich siedeln. Sie sind unter anderem bekannt für Ihre charakteristischen Schnitzarbeiten aus dunklem oder schwarzem Holz.

 

Nachdem ich mich ein wenig umgesehen hatte, bemerkte ich, dass der Tag nun doch schon etwas fortgeschritten war. Im Dunkeln wollte ich aber im ungewohnten Gelände auf gar keinen Fall fahren. Es war also Zeit, den Heimwag anzutreten. Den Abhang hinunter und durch Ndanda war ich dann auch ziemlich schnell vorangekommen. Ich bog vom Sandweg nach rechts auf die Asphaltstraße zurück in mein Dorf und drehte den Gasgriff für die letzten 40km nochmal richtig auf. Woran ich bei meinem Pikipiki-Ritt aber nicht einen einzigen Gedanken verschwendete, war die Tatsache, dass der Tank einer solchen Enduro doch ein nur recht begrenztes Fassungsvermögen hat. Auf halber Strecke wurde beim Stottern und schließlich Absterben des Motors sehr schnell klar, das die Reise jetzt ihr jähes Ende fand. Ich rollte die letzten Meter in einem Dorf aus, das sich entlang der Hauptstraße erstreckte. Schnell war eine Horde Kinder um mich herum, die den Mzungu (Swahili für „Weißer“ bzw. „Europäer“) bestaunten und auf mich einredeten. Meine Swahili-Kenntnisse waren trotz zweijährigem Sprachkurs an der Uni für ausgedehnte Konversationen zu beschränkt, doch mit Händen und Füßen wurde mir bedeutet, mein Motorrad hinter ein Haus auf einen Hof zu schieben. Was hatte ich für eine Wahl? Mir blieb nur, per Anhalter zu versuchen, zurück nach Ndanda zu kommen und dort Benzin aufzutreiben. Ich ließ die Yamaha auf dem Hof der mir natürlich unbekannten Familie stehen und streckte meinen Daumen an der leider nur mäßig frequentierten Landstraße in die Luft. Das Glück ist mit dem Tüchtigen und so hielt nach einigen Minuten schon der erste Pickup an und nahm mich mit. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass das Bild eines Weißen, der per Anhalter versucht in dieser ländlichen Gegend fortzukommen, ein eher ungewöhnlicher Anblick gewesen sein muss. Normalerweise sind es die wenigen Europäer, die mit Geländewagen durch die Orte brausen und die Einheimischen stehen an der Straße.

In Ndanda kannte ich eine deutsche Ärztefamilie, die einen dieser Geländewagen besaßen. Sie halfen mir Benzin zu kaufen und fuhren mich zurück zu meinem Motorad. Ich machte mir Gedanken, wie ich das Dorf oder gar das Haus wiedererkennen sollte, hinter dem ich meine Maschine geparkt hatte. Die Dörfer entlang der Landstraße sahen irgendwie alle gleich aus, erst recht in der Dämmerung, die nun bald über die Gegend – und für die Tropen typisch – sehr plötzlich hereinbrach. Meine Befürchtungen waren jedoch unbegründet. Die Kinder, die mir zuvor von meinem Motorrad geholfen hatten, kamen unserem Auto nun schon entgegengelaufen und zeigten dem Fahrer den Weg zu meinem Parkplatz hinter dem Haus. So konnte ich, nachdem der Tank aufgefüllt war, meine Heimreise nach Nyangao doch noch zu Ende bringen und das Motorrad den Engländern im St. Walburg’s Hospital unbeschadet zurückgeben. Es sollte übrigens nicht die einzige Gelegenheit bleiben, in der ich die unglaubliche Hilfsbereitschaft mir gegenüber in Tansania genießen durfte.

2 Gedanken zu “Auf dem Pikipiki zum Makonde-Plateau

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