Sommerferien in Zentralkamerun – eine Woche im Dorf „Wall“

Unseren Familienurlaub im Sommer 2018 verbrachten wir in Kamerun. Eine gute Woche davon wohnten wir in Wall, dem Heimatdorf meiner Frau Josette. Es liegt im Zentrum des Landes, im Departement Nanga-Eboko, zwischen Minta und Bertoua. Gesprochen wird hier Bamvele, eine der über 200 indigenen Sprachen Kameruns mit ca. 24.000 Sprechern. Sehr spannende Infos zur Ethnie der Bamvele gibts hier: The Mvele Tribe. Josettes Großvater Zanga gründete das Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem er sich mit seinen ca. 68 Ehefrauen dort niederließ. Heute wohnen noch ca. 300 Nachfahren und ihre Familien im Dorf. Besonders in den Ferien kommen Familienmitglieder aus den Städten ins Dorf, um sich zu erholen, die Verwandten zu treffen und sich um ihre Häuser oder Felder zu kümmern.

In diesem Sommer gab es eine große Familienfeier als Anlass, die Sachen zu packen und per Flugzeug, Pick Up und Bus in den Urwald zu reisen. (Den Text zur Familienfeier gibts hier:)

 

 

Josettes Eltern bewohnen ein gemauertes Haus am Ortseingang mit einem großen Wohnraum, mehreren Schlafzimmern, einer Terasse und sogar einer gefließten Toilette / Dusche. Die Küchen von Josettes Mutter und der vierten Frau ihres Vaters stehen hinter dem Haus. Dabei handelt es sich ebenfalls um  Ziegelsteingebäude, allerdings mitglaslosen  Fensteröffnungen und Löchern unter dem Dach, durch die der Rauch der offenen Feuerstellen in den Häuschen abziehen kann. Hier werden auf Holzgestellen auch Nahrungsmittel aufbewart, welche mit der Zeit dadurch zwangsläufig mitgeräuchert werden. Auch einige Hühner verbrachten ihre letzten Tage vor der Schlachtung in den Küchen.

 

 

Jeden Morgen weckte uns der Rabbatz der Vögel in der Palme vor Jean Lamberts Haus, in dem wir zwei Schlafzimmer bewohnen konnten. Der Tag im Dorf begann, zumindest für uns Gäste, natürlich mit dem Frühstück. Es gab Beignets (in Öl frittierte Krapfen) und Boullie, eine Mehlsuppe mit Limettengeschmack. Außerdem hatten wir Nutella aus der Stadt mitgebracht. Auch die landeseigene Version davon, Tartina, war vorhanden und gern gewählter Brotaufstrich. Tartina schmeckt viel schokoladiger, wahrscheinlich weil sie mehr Kakao und keine Haselnüsse enthält. Da wir sehr viele Leute waren – neben uns dreien aus Deutschland, waren Josettes Schwester aus Dänemark mit Mann und drei Kindern sowie zahlreiche weitere Geschwister, Nichten und Neffen aus Yaoundé angereist – wurde in Schichten gegessen. Überhaupt brauchte nicht nur die Verpflegung viel Geduld und Organisationsgeschick. Die tägliche Toilette war ebenfalls mit sehr viel Aufwand verbunden. Jemand musste Wasser mit Eimern von der Quelle im Tal, ca. 500m entfernt und über einen Höhenunterschied von ca. 20m holen. Der Pfad durch den Busch dahin war schmal und glitschig. Als Josette und ich es eines Nachmittags versuchten und den Weg runter zur Quelle mehr entlang rutschten als liefen, erbarmte sich ein Neffe und bereitete unserem unwürdigen Schauspiel eine Ende.

Es braucht keine große Vorstellungskraft, um sich vor Augen zu führen, wieviel Arbeit und Zeit für anderes Wichtiges verloren geht, weil solche essentiellen Bedürfnisse erst befriedigt sein müssen.

Er schnappte sich unseren Eimer und erledigte den Job in seinen Flip Flops mit traumwandlerischer Sicherheit. Nur um Wasser zu besorgen, vergeht unglaublich viel Zeit. Während die Kinder den halben Tag damit beschäftigt sind, Wasser heranzuschleppen, müssen die Frauen den ganzen Tag Essen zubereiten, die Häuser putzen, Geschirr und Wäsche natürlich ohne Waschmaschine waschen. Es braucht keine große Vorstellungskraft, um sich vor Augen zu führen, wieviel Arbeit und Zeit für anderes Wichtiges verloren geht, weil solche essentiellen Bedürfnisse erst befriedigt sein müssen. Ich halte das für ein volkswirtschaftliches Problem. Wieviel Kinder hätten mehr Zeit für Bildung, Lesen und Spiel? Josette hatte im Vorfeld unserer Reise den Bau eines Brunnens vor dem elterlichen Haus organisiert und finanziert. Leider wurde der Brunnen erst am letzten Tag unseres Aufenthalts fertig, so dass wir von diesem Komfort noch nicht profitieren konnten. Mittlerweile ist der Brunnen aber zum neuen Hotspot in Wall geworden. Sehr viele Kinder und Erwachsene schätzen die extreme Erleichterung ihres Arbeitstages und holen das Wasser nun von dort. (Zum Brunnenprojekt findet Ihr hier bald einen eigenen Artikel. Also abonniert diese Seite, dann verpasst Ihr nichts! ;-))

 

 

Im „Maracana“

Da quasi das gesamte Dorf miteinander verwandt ist und jeder jeden kennt, war es ein besonderes Vergnügen, den halben Vormittag von Haus zu Haus zu gehen und die Familie zu begrüßen. Es beeindruckt mich immer wieder, wieviele Leute meine Frau auch nach sovielen Jahren noch kennt, weiß, wer zu wem gehört und wie miteinander verwandt ist. Sie kennt auch meine bucklige Verwandtschaft besser als ich. Ich vermute, sie ist aufgrund ihrer wirklich sehr großen Familie (68 Großmütter, 4 Mütter, ca. 20 eheliche Geschwister usw.) viel besser trainiert, sich Menschen zu merken und mit ihnen zu kommunizieren.

Unseren Sohn Laurel zog es stattdessen mit seinen Cousins, Onkels und Neffen viel eher auf den Fußballplatz. Wie gut, dass er all seine alten Fußballschuhe mitgebracht hatte. Sie waren der Renner und wurden schnell im Dorf verteilt, so dass nur noch wenige barfuß oder in Flipflops spielen mussten. Zu Ligaspielen oder Turnieren am Wochenende zwischen der Dorfmannschaft „Wall 2-0“ und den Mannschaften aus der Umgebung wurden die Schuhe von mehreren Spielern genutzt. Memo an mich selbst: beim nächsten Mal möglichst noch mehr Fußballschuhe auftreiben und mitbringen! Die Spiele am Wochenende waren mindestens so große Ereignisse wie wir das aus dem Weltmeisterland kennen. Nur dass es in Wall einen Live-Kommentator mit Megafon gibt. Auch für das leibliche Wohl wird gesorgt. Kinder bieten Beignets, Kekse und andere Snacks zum Verkauf an. Auch in kleine Plastikbeutel eingeschweißt, portionierter Gin fand genügend Abnehmer.

Memo an mich selbst: beim nächsten Mal möglichst noch mehr Fußballschuhe auftreiben und mitbringen!

Der Fußballplatz hinter der Schule ist von dichtem Buschland und Urwaldbäumen umgeben. Sieht malerisch aus, hatte aber den Nachteil, dass sich dort besonders viele „Mudmuds“, winzige Mücken (ich glaube Sandmücken genannt) über die Zuschauer hermachten. Da ich aus mir im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbaren Gründen auf Mückenspray und lange Kleidung verzichtete, was eigentlich wirklich jeder Tropenmedizinier empfiehlt, war ich ein leichtes Opfer und sollte noch einige Monate an den Folgen in Form von infizierten Mückenstichen laborieren.   Laurel durfte bei der Herrenmannschaft mitspielen. Leider verlor „Wall 2-0“ gegen die Equipe der Gäste aus einem weiter entfernt liegenden Dorf.

 

 

 

 

Kirche, Nachtclub, Internet.

Die beiden schönsten Gebäude im Dorf sind die Kirche und der Nachtclub. Der Nachtclub ist schnell beschrieben, ein rechteckiges Gebäude mit einem hervorragend gekachelten Tanzboden, eine Bar für Softdrinks und mit etwas Organisation auch Bier. Es gibt eine ziemlich laute Musikanlage und auch für stimmungsvolle Lichteffekte sind Technik und Strom da. Letzerer kommt aus einem Dieselgenerator. Gespielt wird vor allem der zur Zeit in Kamerun beliebte Bikutsi, welcher seine Wurzeln auch im Zentrum und im Süden des Landes hat. Um einen Eindruck von einer modernen Variante zu bekommen klickt doch mal hier: Best of Bikutsi 2017

Nachtclub und Kirche wurden maßgeblich von Jean Lambert Nang, dem im Text über die Tage in Yaoundé bereits erwähnten Sportjournalisten, errichtet. Auch wenn viele Kameruner nur wenig Zeit in ihrem Heimatdorf verbringen, ist es für sie sehr wichtig, ein standesgemäßes Haus im Dorf zu besitzen. Wer es zu etwas gebracht hat, zeigt dies durch eine Villa im Dschungel. Nicht selten sieht man wirklich beeindruckende, zwei-etagige, balkonverzierte Bauwerke im vorletzten Winkel des winzigsten Dorfs, die allerdings weder Zugang zu Strom noch fließend Wasser haben. Die Wohlhabenderen in Wall haben zumindest Solarstrom. Da reicht ein mittelgroßes, chinesisches Solarpanel auf dem Dach, um in zwei bis drei Räumen Licht und Satellitenfernsehen zu haben. Noch wichtiger sind aber die USB-Anschlüsse der Installationen, über die die Handys ganz langsam mit Sonnenenergie aufgeladen werden. In Jean Lambert Haus gingen Einige ein und aus, um zu gucken, ob ein Anschluss gerade frei war. Das Handy lies man dann mehrere Stunden unbeaufsichtigt am Ladegerät. Auch unsere vergleichsweise teuren Geräte luden wir dort auf, nie kam eines davon weg. Allerdings hielten sich die Möglichkeiten, mit den Handys was anzufangen, in engen Grenzen. Die Netzabdeckung in Wall war noch absolut lückenhaft. Auf einer Anhöhe in der Dorfmitte trafen sich insbesondere in den Abendstunden die Leute, um ihre Mobiltelefone in die Luft zu recken und ein wenig Funkverbindung für ein Telefongespräch, besonders aber fürs Internet zu ergattern. Telefonieren konnte ich von dort in alle Welt, für eine Internetverbindung reichte es aber nie.

Die Kirche jedoch braucht kein Internet. Fast alle „Wallienser“ sind Siebenten-Tags-Adventisten. Die Religionsgemeinschaft, die in Deutschland eher als suspekte Sekte betrachtet wird, gilt in Kamerun als ganz seriöse Kirche. Weltweit gibt es ca. 20 Mio. Gläubige. Die vielen kamerunischen Anhänger, die, verglichen mit denen der erfolgreichen neuen evangelikalen Kirchen aus dem benachbarten Nigeria, noch einen ziemlich entspannten Umgang mit ihrer Religion pflegen, gehen samstags („Sabbat“) in die Kirche. Die religiösen Regeln (unter anderem kein Schweinefleisch) leiten sich vor allem aus wörtlich verstandenen Episoden des Alten Testaments ab. Das Kirchengebäude der Adventisten ist ein weiß getünchter, hoher, spitzgiebliger Bau mit einem kleinen Foyer, einem ca. 150 Leute fassenden Innenraum und einer kleinen Sakristei hinter dem Altar. Religiöse Symbole, wie z.B. ein Kreuz gibt es nicht.

Der Missionar, der die Religion in die Region brachte, war vielleicht zu faul, die Lieder neben Bulu auch noch ins Bamvele zu übersetzen…

Die Gottesdienste werden in Bamvele abgehalten. Als wir europäischen Gäste am Gottesdienst teilnahmen, wurde auf französich gepredigt und simultan ins Bamvele übersetzt. Die Lieder allerdings werden auf Bulu, einer weiteren Sprache Kameruns, gesungen. Der Missionar, der die Religion in die Region brachte, war vielleicht zu faul, die Lieder neben Bulu auch noch ins Bamvele zu übersetzen…

Der Gottesdienst begann gegen 10 Uhr und dauerte ca. 3 Stunden. Wir, das heißt, ein sehr kleiner Teil der männlichen Familienmitglieder – die Frauen hatten noch im Haushalt zu tun – kamen an diesem Samstag deutlich später, was aber auch kein Problem darstellte. Ein Platzanweiser machte mir auf einer Bank in der ersten Reihe einen Sitzplatz frei. Der Chor sang zur Begleitung von Gitarre und Tamtam. Die acht Sängerinnen und Sänger machten einen tollen Lärm. Auch die Gemeinde in der rappelvollen Kirche stand dem Chor an Lautstärke in nichts nach.

 

 

 

 

Markt und heiliges Gemüse

Am Ortseingang von Wall wurde ein schöne Markthalle errichtet. Gemauerte halbhohe Wände, eine Wellblechdach über Stützpfeilern, reichlich Tische um die Waren auszubreiten. Die wenigen Händlerinnen benutzen diese Halle allerdings nicht, sondern bieten ihre Produkte auf Decken auf der Erde ausgebreitet davor an, weil die gemauerten Tische viel zu hoch sind, so dass niemand dahinter sitzen kann. So bleibt das neue, saubere Gebäude nutzlos. Angeboten wurde bei unserem Besuch unter anderem ein Blattgemüse namens „Folong“, welches Josette gerne gekauft und gegessen hätte. Josettes Mama isst dieses Gemüse allerdings nicht, da es in ihrem Stamm eine heilige Pflanze sei. Das kam so:

Ihr Urgroßvater war bei einer Stammesfehde verletzt worden und konnte nicht mit seinen Kriegerkameraden nach Hause fliehen. Er verbarg sich unter den Blättern dieser Pflanze, die ihn dann zum Schutz auch noch hoch überwucherte, so dass ihn seine Feinde nicht finden konnten. So wurde ihm das Leben geretet. Als die Luft wieder rein war, setzte er sich auf den Rücken einer großen Schlange, die ihn über den breiten Fluss Sanaga nach Hause in sein Dorf brachte. Seitdem sind dem Stamm das Gemüse und die Schlangen heilig.

Solche und viele andere Geschichten wurden Jahrhunderte lang an den dunklen Abenden von den Älteren erzählt und an die jüngeren Generationen weitergegeben. Auf diese Weise blieb Geschichte erhalten. Wir schliefen in unserem Schlafzimmer in Jean Lamberts Haus allerdings nicht zu solchen Geschichten ein, sondern zum Klang des Dieselgenerators vor dem Fenster für den Betrieb des Nachtclubs. Irgendwann in der Nacht würde der abgestellt werden.

 

 

 

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